Rutschpartie

Warum eine Horde von Kindern, begleitet von dem ein oder anderen Erwachsenen, unsere Liegen passiert, erschließt sich mir nicht sofort. Zumal ich nicht aufstehen kann, weil Kinder- und Erwachsenenbeine über mich drübersteigen. Offenbar ist meine Liege Teil eines Trampelpfads, der nur zu bestimmten Zeiten benutzt wird.  Doch dann macht sich ein Blubbern und Grollen bemerkbar, das kurze Zeit später in einen lärmenden Wasserfall übergeht, der sich aus sieben Rutschen in das Auffangbecken vor uns ergießt. „Papa, die Rutschen sind an!“ „Offensichtlich mein Sohn.“ „Ich will rutschen!“ „Ja und. Dann geh halt. Folge der Karawane und dem Ton der Trillerpfeife des Bademeisters auf dem Turm, der alle zwei Minuten einen Depp darauf aufmerksam machen muss, dass der Auslaufbereich der Rutschen kein Whirlpool ist, in dem man Stundenlang entspannen kann. „Papa, ich will nicht alleine rutschen!“ „Nun tu deinem Sohn schon den Gefallen!“ Zwei gegen einen. Na klar. Das musste ja sein. „Na, gut aber nur einmal, damit Du den Weg durch dieses Dickicht an Kinderkörpern findest.“ Irgendwie habe ich mir die Rolle des Vaters nicht als Vollzeit-Animateur vorgestellt. Aber das sagt einem ja niemand in den auslösenden, romantischen Momenten.

Das weiße Badetuch als Zeichen der Kapitulation schwenkend, damit die Horde uns eine Lücke gewährt, erhebe ich mich von der Liege und reihe mich mit meinem Junior in der Menschenkette zum 15 Meter Rutschen-Turm ein. Beim Anblick der nassen Beton-Treppenstufen, die von abertausenden von nassen Kinderfüßen tagtäglich beschritten werden, formiert sich aus der letzten Schublade meines Jugendgedächtnisses das Schrecken erregende Wort: Fuß-PILZ. Bei jedem Platsch meiner Füße auf diese Mischung aus Beton und Wasser sehe ich vor meinem geistigen Auge, die Armada an Fußpilzsporen sich in meine Haut bohren. Sporen, die meine Füße mit einem „Na! Lange nicht gesehen!“, begrüßen. Erinnerung an Fußbäder in Kaliumpermanganat (KP) werden wach. Erinnerungen an mit farblosem Nagellack lackierte Fußnägel, zum Schutz gegen die lila Farbe von KP. Erinnerungen an endloses Abfeilen von Farbresten auf den Fußnägeln, um nicht im Schwimmbad gemoppt zu werden, weil Mann sich anscheinend die Fußnägel lila lackiert hat. An dieser Stelle sei dem geneigten und mit Fußpilz belasteten Leser nicht desto trotz empfohlen, dass das Baden der Füße in einer Kaliumpermanganat-Lösung, bis auf die färbenden Nebenwirkungen, ein hervorragendes Mittel ist, um Fußpilz zu bekämpfen. Leider bekommt man Kaliumpermanganat in der Apotheke nur mit vorgehaltener Magnum Kaliber 45, oder  man zeigt seine nackten Füße, da Kaliumpermanganat auch als Katalysator im Sprengstoffbau verwendet werden kann. Was ich nicht aus eigener Erfahrung, sondern nur vom Hörensagen und dem Chemieunterricht weiß. Ich schwöre.

„Tritt nicht mit den Füßen so auf die nassen Treppenstufen, Sohn!“ „He Papa? Wo soll ich denn sonst hintreten?“ Eine berechtigte Frage eines Sechsjährigen, der die Gefahr, auf der er wandelt, noch nicht im Entferntesten erahnen kann. „Ich sag nur Kaliumpermanganat!“. „Was?“ „Ich meine, versuch möglichst trockene Stellen zu erwischen, so wie ich! Schau“ Und schon zeige ich ihm, wie man mit leichtem Hüpfen von Stelle zu Stelle die Stufen hochsteigen kann, ohne in eine der vielen Wasserlachen zu treten. Sieht bescheuert aus, aber dafür sicher. „Au! Verdammt!“ „Was ist Papa?“ „Ich habe mir das Schienbein an der Stufe angerannt.“ Sohn sieht wohin mein Beispiel führt und entscheidet sich spontan für Pfützen und nassen Beton. Nach längerem Wechsel von Treppenaufstieg und Warten erreichen wir das Plateau des Treppenturms, auf dem der Bademeister für jeden Rutschenden persönlich die Freigabe erteilt. Abgesehen von den 4 parallelen Geradeaus-Rutschen, die für Wettrutschrennen genutzt werden und somit immer auf einmal die Starterlaubnis erhalten. Wettrennen sind eh nicht mein Ding. Daher entscheiden wir uns für die grün-weiße Rutsche, die sich als Rohrkanal mit gelegentlichen offenen Abschnitten schlangenförmige in die Tiefe zieht. „So Junior. Dann mal los!“ „Kommst Du nach?“ „Ja klar, sobald Du unten bist!“. „Noah setzt sich in das sprudelnde Startbecken und sieht gespannt den Rutschen-Wächter mit weißem T-Shirt an. Ein Nicken signalisiert meinem Kurzen die Startfreigabe.  Sogleich juckelt Noah mit seinem dünnen Poppo nach vorne, um von den reißenden aus Düsen sprudelnden Wassernassen in die Tiefe gerissen zu werden. So zumindest meine Vorstellung. Die Realität sieht anders aus. Mein Sohn, ist das einzige Kind auf der Welt, dem es gelingt, in einer Wasserrutsche nicht rutschen zu können. Sein Bemühen mit Händen und Füßen Stück für Stück sich nach vorne zu ruckeln, um ein wenig Geschwindigkeit aufzunehmen, erregt mein Mitleid. Doch dann geht’s doch langsam mit Arm und Beinunterstützung um die erste Kurve. Mit einem Winken und zufriedenen Lächeln nach hinten verschwindet er in Slow Motion in der Röhre aus meinem Blickfeld. Sogleich will ich ihm folgen und setzte mich in das Startbecken. Doch der Rutschen-Wärter hält mich zurück, um auf die Ankunft meines Juniors am Rutschenende abzuwarten. Also warte ich. Und warte. Und warte. Und warte. Schaue auf die Uhr. Und warte. Auch Mr. Bay-Watch wird nervös und erhebt sich von seinem Stuhl, um einen Blick in die Rutschenmitte zu erhaschen. Von meinem Kleinen nichts zu sehen. Wer weiß, vielleicht hat er mittendrin eine andere Abzweigung genommen und sich verfahren. Oder es hat sich in der Rutsche ein Zeit-Raum Loch gebildet und mein Herzstück wird gerade durch ein Paralleluniversum der Langsamkeit geschleudert. Was uns vielleicht lange vorkommt, sind für ihn nur Millisekunden. Wer weiß?! „Wo bleibt der denn?“, ist schließlich mein besorgter Ausruf, während ich wieder aufstehe und nach unten schaue.  Eine Bergung aus einer Wasserrutsche ist wohl auch nicht Bestandteil der BayWatch Ausbildung, weshalb Mister Wichtig zum Walky Talky greift und sich nach dem weiteren Vorgehen bei einer Vermisstenmeldung erkundigt. Doch dann, wie durch Gottes Hand, erscheinen am Ende der weißgrünen Rutsche zwei kleine Füße, gefolgt von Händen, die den kleinen Körper über das Rutschenende ins Wasser schieben. Nach einem kurzen Moment der Erleichterung von Mr. Wichtig und mir erhalte ich die Startfreigabe und bin Sekunden später im Auslaufbecken bei meinem Junior. „Na, das müssen wir noch etwas üben!“ „Wieso Papa! Das war toll. Ich will nochmal!“ „Ja aber dann ohne mich. Ok? Mir ist nicht so nach Kaliumpermanganat.“ „Nach was?“ „Vergiss, was ich gesagt habe. Sieh! Da ist auch Sebastian. Dem kannst du folgen!“ „Ok Papa!“.

„Nah, wie wär’s mit ´nem Wettrenne?“, ertönt eine mir bestens bekannte Stimme im saarländischen Dialekt hinter mir im Wasser. „Nein jetzt nicht, ich wollte mich gerade wieder hinlegen.“ „Hasch wohl Schiss, dass dei Kläner sieht wie ich Dich im Rutsche abziehe. Was?“.  Eigentlich bin ich über solche plumpen Provokationen erhaben. Aber, wenn jemand meine Rutschfähigkeiten in Zweifel zieht, vor den Augen meines Erbgutträgers, dann hört irgendwo der Spaß auf. „Keineswegs. Von mir aus gerne. Sie wollten es ja nicht anders!“ „Du!“ „Was?“ „Du kannschd ruhig DU zu mir sahn! Ich bin de Karlheinz, kurz Kalle!“ „Ja, nun DU, Kalle. Also ich heiße Jörg. Ich meine, zu Hause nennen sie mich auch De Bottler!“ „Alla gudd Jörgche!“. Wenn ich eins hasse, wenn man mich wie zu Kinderzeiten ´Jörgche´ nennt. „Einfach nur Jörg, oder De Bottler! Bitte!“. „Also gudd Jörgche Bottler. Renne? Jo oder Nä?“ „Nun gut. Ja. Aber wundere Dich nicht Karlheinz, wenn Du nur meinen Rücken siehst!“.

Das hat gesessen. Psychologische Kriegsführung. Den Gegner durch verbale Überlegenheit in die Defensive drängen. Das verunsichert. „Noch nie was von Schwerkraftgesetz gehärt. Odder?“, kontert Karlheinz und tätschelt seinen blanken Bierbauch. Wo er recht hat, hat er recht. Verdammt. Kalle ist locker 20 Kilo schwerer als ich. Das wird nicht leicht. Oder besser. Das wird schwer. Aber wozu bin ich schließlich selbst ernannter Rutsch-Weltmeister in der 90 Kilo Klasse mit genesenem Fußpilz. Also machen sich Kalle und ich auf in Richtung Rutschturm. Oleg Baranov aus St. Petersburg und Onkel Behic haben unsere Unterhaltung zufällig mitbekommen und beschlossen, das Rennen zu einem Vierländerkampf (Baden, Saarland, Russland und Türkei) zu erweitern, der nun auch die Aufmerksamkeit der Gäste um den Pool auf sich zieht. Oben auf dem Turmplateau angekommen, werden unsere Astral-Körper mit Bier- und Waschtrommelbauch unter dem Licht der Sonne und blauem Himmel noch einmal gedehnt, gebeugt und in Form gebracht. Mr. Baywatch weist jedem der Teilnehmer eine der vier geradlinigen Wettrutschen zu. Ich bekomme, die mit kleinem Sprung in der Mitte. Was durchaus von Vorteil sein kann, da der kurze Moment des freien Falls die bestmögliche Beschleunigung bedeutet. Wie meine Gegner umklammere ich das Aluminimum-Querrohr vor der Rutsche, um mich im Moment des Starts, wie an einer Reckstange nach vorne zu katapultieren. Direkt neben mir auf der Bahn lauert Kalle, dann Onkel Behic und außen Oleg. Hier geht es nicht um Spaß. Hier geht es nicht um Urlaub. Hier geht es um nichts weniger als meine Ehre gegenüber meinem Sohn zu verteidigen, der gerade wieder in der weißgrünen Rutsche verschwindet.

PFIFF. Der Start ist erfolgt.

Vier männliche Körper schwingen sich mit einem Satz in die parallelen von Wasser durchströmten Wettrutschen. Mein Blick zu Noah hat mich etwas abgelenkt und ich bin Millisekunden zu spät weggekommen. Scheiße. Jetzt kann mich nur noch die richtige Technik zum Sieg führen. Bei der Sprungkante in der Mitte meiner Rutsche stoße ich mich also mit beiden Händen ab, um die Freiflugphase zu verlängern. Leider habe ich nicht bedacht, dass mein rechter Arm eine größere Schnellkraft entwickelt als mein linker. Mit einer Achsenrotation dreht sich mein Körper in der Luft in Richtung Kalles Rutschbahn. Meine Landung auf seinem Bierbauch im freien Rutschfall wird mit einem überraschten „Hey“ kommentiert und begleitet von einem Raunen der umliegenden Zuschauer. Mit doppelter Schwerkraft und dem dadurch bedingten sicheren Sieg, platschen unsere umschlungenen Köper vor der Türkei und Russland in das Auslaufbecken. Kalles Körper und die erreichte Geschwindigkeit durchwirbeln mich im Wasser und ich weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Schließlich gelingt es mir, mich aus dem Sog des Ansaugrohrs zu befreien und nach oben neben Kalle mit dem Kopf aufzutauchen. Uns erwartet eine tosende applaudierende Menge, die so ein Kunststück noch nicht gesehen hat. „Das hätschde ma ruhisch vorher sahn kenne. Geiler Trick. Den musche ma beibringe!“ Eins ist klar hier sind Rutschfreunde fürs Leben entstanden. Verloren gegangen ist allerdings bei dem ganzen Getümmel meine Badehose, was ich nun nach der ersten Euphorie des Sieges feststellen muss. Meine Unpässlichkeit bleibt in der Tiefe des Beckens und den Blupperblasen vom einfließenden Wasser noch unentdeckt. „Komm, das mache ma gleich noch a moal!“ „Ach, nein danke. Mir reicht es. Ich schwimm mich nur noch kurz aus.“, antworte ich, während meine Füße vergeblich versuchen im Geblubber des Auslaufbecken meine Badehose zu finden, begleitet von den Trillerpfiffen und Rufen von Mr. BayWatch vom Turmplateau, der mir wild gestikulierend zu verstehen gibt, dass das kein Whirlpool sei, und ich jetzt endlich die Auslaufzone verlassen solle.
Wenn ich das nur könnte.

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